Werde ich “blau”?
September 29th, 2008 by alexanderEinen Tag nach dem Grottenkick gegen Hannover und das Debakel von voriger Woche gegen Bremen und die dadurch verbundene Situation in der Ligatabelle (Ja, ich bin Bayern-Mitglied, siehe Profil) entschloss ich mich in all meinem Frust zum Heimspiel der 60-er gegen den FC Ingolstadt zu gehen. Das ist als Bayern-Fan natürlich absolut verboten, aber mein Frust und meine Neugier samt der Tatsache, nichts vorzuhaben, trieben mich voran zu dieser Aktion.
So startete ich eine Stunde vor Anpfiff von zu Hause los. Bereits in der U-Bahn war es etwas anders als bei Fahrten zu Bayern-Heimspielen: Weniger Leute, dafür umso lautere. Hinzu kam die äußerst niedrige Anzahl an Ingolstädtern, was wahrscheinlich daran lag, dass sie mit dem Auto da waren.
An der Stadionkasse angekommen, kaufte ich mir eine Stehplatzkarte für 8,45€ (Ermäßigtentarif). Im Allgemeinen erkannte ich nun, dass die Löwen wirklich nahezu im Konkurs sind. DIes war allein schon daran zu sehen, dass sie nur Minisponsoren besitzen. Die Spottpreise unterstrichen den Eindruck.
Ich ging also in meinen Block Nr. 114, Südtribüne Unterrang. Was natürlich im Vergleich zum FC Bayern gleich auffiel: Der ganze Oberrang war leer und der Rest war mit nur 31 000 Menschen gefüllt. Mein Block selbst hatte ebenfalls viele freie Plätze.
Das Spiel fing an und gleichzeitig ging auch die lautstarke Nordkurve los. Es war in keinster Weise vergleichbar mit der Südkurve von Bayern, denn die Nordkurve singt nicht anhaltend mit gleicher Lautstärke, sondern variiert ein wenig und macht Kunstpausen. Die FCB-Südkurve singt eher konstant durch. Wenn die “blaue” Nordkurve dann lauter wird, kann die “rote” Südkurve nicht mithalten, so weh es mir auch tut, dies zu gestehen. Was ebenfalls unterschiedlich ist: Die Südkurve, in der ich war, singt fast völlig unabhängig von der im Norden, was bei Bayern umgekehrt eher nicht der Fall ist. Ich selber habe alles mitgesungen, ausgenommen bayernfeindlicher Gesang wie “Ihr seid sch***e, wie der FCB!”
So, genug kurventechnisch geflachst: Es begann also ein unterhaltsames und offensives Spiel der Löwen auf das südliche Tor, beinahe belohnt durch einen wunderbaren Fallrückzieher von Benny Lauth. Ich stand direkt hinterm Gitter und konnte so die spektakuläre Einlage aus nächster Nähe betrachten. Nach dem Schuss wurde es viel lauter, keinen Ton von den Gästen zu hören. Naja, klingt ja auch komisch, wenn man lauthals “Hier regiert der FCI!” singt.
So kam nach endlosem Anpeitschen der Führungstreffer durch Bierofka. Auch bei diesem Jubel kann Bayern nur bedingt mithalten. Bis zur Pause konnte die Führung gut verwaltet, aber nicht ausgebaut werden.
Nach der Halbzeit kam es dann eben, wie es immer kommt: Viele Chancen werden nicht verwertet, zwei Handelfmeter nicht gegeben (Korrekturen bitte abgeben, im Stadion sah das echt so aus) und hinten ging die einzige Gästechance, in jeder Hinsicht ein Sonntagsschuss, in das Gehäuse von Philipp Tschauner ein. Das Tor fand viele Sympathisanten auf den Ost- und Westtribünen; ich war vorher schon überrascht, warum sie sich nicht vorher an Gesängen von Sechzig beteiligten. Danach fehlten Zeit, Kraft und Ideen für den Siegtreffer.
Abpfiff 1:1. Durchgehend lange Gesichter auf Nord und Süd, war man doch so nahe am Derbysieg. Die Ingolstädter feierten den Auswärtspunkt dagegen unverschämt laut und lange.
Noch immer weiß ich nicht richtig, wo ich stehe. Es ist ja schon eine etwas heikle Angelegenheit, in der ich jetzt stecke. Soll ich weiterhin rot bleiben oder blau werden?
Für ein weiteres Fan-sein von Bayern sprechen folgende Tatsachen:
- Ich bin noch Mitglied
- Ausverkauftes Haus sieht toll aus
- Meine ganzen Fan-Artikel
- Das “Euer Hass ist unser Stolz”-Gefühl
- Erste Liga und Champions League (zumindest vorübergehend)
- Einige große Spieler wie Ribéry
- Ich war schon immer Roter und “Konvertierungen” gehören sich nicht
Für einen Wechsel zum TSV spricht:
- Ich kriege viel leichter Tickets
- Meine Schule ist voller Löwen, es gäbe weniger Streitpunkte
- Die Transferpolitik von Bayern
- Die Stimmung im Stadion ist etwas besser
- Das Underdog-Dasein fühlt sich gut an
- Kreativere Fans (Gesänge etc.)
- Manchmal bist du der einzige in deinem Block bei Bayern, der mitsingt
- Häufig sind Bayern-Anhänger nur Bayern-Anhänger, “weil sie immer gewinnen”
Ihr seht also, das ist nicht ganz einfach. Ich schreibe auf jeden Fall, wenn ich mich entschieden habe. Kommentare könnten mir bei der Entscheidung vielleicht helfen.
