Wednesday, 8 of September of 2010

Tag » Respekt

Liebe Lufthansa, worauf sollte ich mich einstellen?

Redwood Shores, den 16.4.2010

Liebe Lufthansa,

es ist nicht Euer Vulkan. Ich war deshalb positiv überrascht, nachdem LH459 SFO-MUC gestern (Donnerstag 15.4.2010) annulliert wurde, dass Ihr letzte Nacht meine Hotelkosten übernommen habt. Ich bin auch dankbar, dass Eure Prioritätenreihenfolge richtig ist: 1. Sicherheit, 2. Pünktlichkeit, 3. Service, 4. Alles andere. Genau nach meinem Geschmack. Ich fliege sehr gerne Lufthansa, vor allem wenn ich den Atlantik überqueren muss.

Ich verstehe auch, dass die jetzige Situation wegen Eyjafjallajökull sehr belastend und unvorhersehbar für Euch ist. Ich beneide Euch nicht!

Aber trotzdem.

Unter normalen Umständen werde ich Eurerseits von Informationen überhäuft. Eindeutig mehr als unbedingt sein muss. Jetzt bekomme ich aber weitaus weniger Nachrichten von Euch, als ich gerne hätte.

Ich erwarte ja keine guten Nachrichten. Wie gesagt, es ist ja nicht Euer Vulkan. Ihr könnt nichts dafür. Ich möchte aber wissen, worauf ich mich einstellen soll.

Zum Thema Eyjafjallajökull habe ich von Euch insgesamt nur eine einzige automatische Mitteilung erhalten:

  1. “Ihr Flug LH459 SFO-MUC 15Apr 21:00 wurde leider annulliert! Für weitere Informationen rufen Sie bitte an: +491803xxxxx.”

Den Rest habe ich auf Umwege erfahren, erst durch eine schlecht hörbare Durchsage, danach entweder von anderen Passagieren oder in Einzelgesprächen mit Lufthansa-Repräsentanten bzw. Hotelpersonal.

Echte zwischenmenschliche Kommunikation schätze ich schon, aber für Gewissheit und kürzere Wartezeiten bzw. Schlangen bin ich bereit, weit mehr Infos über SMS oder Email zu empfangen:

  1. “Ihr Flug LH459 SFO-MUC 15Apr 21:00 wurde leider annulliert! Bitte zum Check-In-Schalter gehen und für Hotelübernachtung eintragen lassen. Ihr bereits eingechecktes Gepäck können Sie unten eine Etage tiefer abholen.”
  2. “Lufthansa übernimmt die Kosten für die erste Übernachtung, das Mittagessen heute abend und das Frühstück morgen früh.”
  3. “Ein Shuttle von dem jeweiligen Hotel holt Sie vor dem Flughafeneingang zum Hotel ab. Bitte stellen Sie sich auf etwas Warten ein, da der Shuttle wegen der vielen Passagiere mehrmals fahren muss.”
  4. “Wir verstehen, dass Sie wissen wollen, wann Sie wieder nach München fliegen können. Leider können wir dies noch nicht sagen, da wir es nicht wissen. Wir halten Sie jedoch über SMS auf dem Laufenden.”
  5. “Leider konnte der LH458 von MUC nach SFO auch nicht starten. Deshalb kommt es wahrscheinlich zu längeren Wartezeiten.”
  6. “Der morgige LH459-Flug SFO-MUC 16Apr ist leider ausgebucht, wenn er überhaupt starten kann. Deshalb sind Sie für morgen nur auf der Warteliste. Obwohl Sie Senator-Mitglied sind, ist der erste platzmäßig verfügbare Rückflug für Sie erst am Montag 19Apr (natürlich unter Vulkanvorbehalt). Bis dahin sind Sie auf der Warteliste. Sollte ein Platz frei werden, melden wir uns rechtzeitig über SMS.”
  7. “Bei der Lufthansa sind wir zwar weder Geologen och Meteorologen, haben aber einige für Sie möglicherweise interessanten Informationen hier zusammengestellt: http://www.lufthansa.de/eyjafjalla” [Bilder, Texte, Links zu Wikipedia usw.]
  8. “Wenn Sie sich zur jetzigen Lage über Twitter informieren wollen, beachten Sie folgendes: * Wie immer hören wir besonders zu, wenn Sie mit #lufthansa oder an @lufthansa_de twittern; * In Twitter hat sich #ashtag als Tag bewährt; Unter Facebook haben wir die feste Seite Facebook.com/Lufthansa_Vulkanasche angelegt”
  9. “Auch der heutige Flug LH459 SFO-MUC 16Apr 21:00, auf dem Sie auf der Warteliste waren, wurde leider annulliert. Sie sind nach wie vor auf der Warteliste für die nachfolgenden Tage und auf dem Flug Montag 19Apr gebucht. Wir bedauern die Umstände.”

Vorher beim Vortrag über MySQL (Foto: James Duncan Davidson)

Nachher am SFO (Selbstbildnis mit Nokia E72)

Statt den obigen fiktiven SMS-Mitteilungen (gut, die weniger dringenden hätten auch über Email gesendet werden können) habe ich

  • trotz mehreren Versuchen wegen (verständlicher) Überlastung keine Antwort über der am Schalter gegebenen amerikanischen 800-Nummer bekommen
  • erst nach vielen Versuchen auf der +49 1803-Senator-Nummer eine Antwort bekommen
  • die Senator-Nummer-Frau freundlich gefragt, worauf ich mich einstellen soll, aber erstmal keine vernünftige Antwort bekommen, sondern habe lange Punkt 6 oben herausfischen müssen
  • mich von derselbigen Senator-Nummer-Frau belehren müssen, was “gestern” und was “heute” ist, obwohl Ihr selbst die Begriffe im Netz auf der Seite http://www.lufthansa.com/online/portal/lh/de/info_and_services/flightinfo/arrivals_departures/ anders verwendet
  • mich geärgert, weil dieselbe Senator-Nummer-Frau meine Frage nach dem Vorrang der Passagiere ihrem Tonfall nach für überflüssig oder einfältig gehalten hat (mir war es nicht selbstverständlich, dass die nicht beförderten Pechvogelpassagiere, die schon x-mal 24 Std. in SFO gewartet haben, keinen Vorrang über die Duselpassagiere haben, die zufälligerweise den ersten stattfindenden Nach-Eyjafjalla-Flug gebucht haben)
  • im Hotel Sofitel (danke nochmals für die Übernachtung!) plötzlich einen Anruf von der Rezeption bekommen, ob ich für soundso viele Dollar das Zimmer für noch einen Tag behalten möchte, ohne Zusatzinformationen von Euch erhalten zu haben

Ich habe es schon zweimal gesagt und ich sage es nochmal: Es ist nicht Euer Vulkan. Insgesamt bin ich mit Euch bei der Lufthansa sehr zufrieden. Darüber hinaus bedaure ich Eure finanziellen Schäden, die Ihr selbst keineswegs verursacht habt. Es tut mir Leid.

Aber ein bisschen frequentere, ausführlichere und gezieltere Informationen würden guttun. Ich glaube dies würde nicht nur meine Nerven schonen, sondern auch Eure eigenen Kosten sparen!

Mit freundlichen Grüßen,

Kaj Arnö, Lufthansa Senator-Mitglied

P.S. Falls Ihr Schwedisch liest, gibt es hier einen Bericht darüber, wie ich meine Situation empfinde (allgemein, nicht Lufthansabezogen): http://blogs.arno.fi/fib/2010/04/16/i-vantans-tider-lh459-aska/


Käthe Arnö 30.3.1925-29.8.2009

Lange habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich meinen Freunden und Bekannten erzählen sollte, dass meine Mutter gestorben ist. Ich fand es nicht passend, so etwas über ein Bloggeintrag zu veröffentlichen; es war mir zu privat.

Dann habe ich aber die Todesanzeige in Hufvudstadsbladet gesehen. “Husis” ist die finnlandschwedische Zeitung par excellence, wo solche familienbezogene Nachrichten seit Generationen verkündet werden. Da in der jetzigen Generation nicht mehr alle Freunde und Bekannte über Husis erreicht werden, habe ich mich für ein Gegenstück im Blog entschieden. Hier aber zuerst das Original aus Husis:

Meine Mutter wurde 84 Jahre alt. Sie war geistig und gefühlsmäßig voll dabei, auch noch auf ihrem Sterbebett. Ich hatte das Glück, zusammen mit Alexander mit ihr fast zwei Stunden lang diskutieren zu können, und zwar in der gleichen Nacht als sie um 3:15 Uhr von uns gegangen ist.

Die Beerdigung fand eine Woche später in Lovisa statt. Ihre Urne werden wir diesen Samstag in ihr Grab in Nagu beisetzen. Zufälligerweise waren wir in Nagu als alles passiert ist; wir sind dann noch eine Woche geblieben. Nach der Beerdigung waren Kirsten und ich eine knappe Woche in Kroatien (Krk, Porec), wie schon vor Monaten geplant; langsam kehrt der Alltag zurück.

Hier ein aus dem Schwedischen übersetzter Auszug aus meiner Gedächtnisrede bei der Beerdigung. Das Wort “Famo” habe ich unverändert gelassen; es bedeutet wortwörtlich “Oma väterlicherseits” und kommt aus den Worten für “Vaters Mutter”.

Liebe Beerdigungsgäste
Alexander und Sophia

Famo möchte, dass wir froh sind. Ihr Wesen hat es uns allen leicht gemacht, ihr zu Lebzeiten zu gefallen. Jetzt, da sie von uns gegangen ist, fühlt es sich schwer an, diesen Wunsch zu erfüllen.

Nichtsdestotrotz haben wir sehr viel, worüber wir froh sein können.

Wir können mit Famos Worten auf ihrem Sterbebett anfangen: “Ich bin mit meinem Leben zufrieden“. Wirklich nicht jeder ist mit seinem Leben zufrieden. Ich bin darüber froh, dass sie es war. Ich bin auch froh, dass ihr eine lange und sehr glückliche Ehe mit Fafa vergönnt war.

Alexander und ich durften persönlich von ihr Abschied nehmen als sie noch zugehört und geantwortet hat. Im Auto auf dem Weg in die Klinik, als wir noch nicht wussten, ob wir rechtzeitig ankommen würden, hatten wir genügend Zeit, uns zu überlegen, was wir sagen wollten — so dass es nicht so lange warten musste, bis wir auf vollkommen taube Ohren stoßen würden. Aber wir kamen rechtzeitig an und konnten das sagen, was wir uns vorgenommen hatten, so dass Famo es hören und beantworten konnte.

Obwohl ich jetzt nicht besonders froh klinge, ist unsere Möglichkeit, einen ordentlichen Abschied zu nehmen, etwas, worüber wir ausgesprochen froh sein können. Famo hat uns bestens auf die Zeit nach ihrem Tot vorbereitet. Über alles haben wir reden können. Dass wir bei der Urnenbeisetzung “Famo ist jetzt froh” denken sollen. Welches Bestattungsinstitut wir wählen sollen. Und vor allem dass wir sehr froh und dankbar sind, für ihr Einsatz, ihr Leben, ihr Wesen, ihre Inspiration, ihr Beurteilungsvermögen.

Ich bin froh, dass sie ihren Willen bekommen hat, dass ihr Leiden ein Ende bekommen hat.

Ich bin froh, dass sie ihr ganzes Leben zu Hause wohnen durfte. Ich bin froh und stolz, dass sie tapfer ausgehalten hat, fast blind und taub zu werden. Ich bin froh, dass sie das Meiste im Leben mit guter Laune und Humor füllen konnte. Einige knappe Wochen vor ihrem Tod, als sie bei uns in ihrem alten Haus in Nagu zu Besuch war, sagte Alexander “Es ist wohl so, dass Du besser hören als sehen kannst?”. Famos Antwort war “Wie?”. Aber eine Sekunde später wurde ihr klar was Alexander gefragt hat und daraufhin haben Famo, Alexander und Sophia herzlich zusammen gelacht.

Ich bin froh, dass sie ihr ganzes Leben lang klar im Kopf bleiben durfte. Sie war etwas besorgt, dass sie senil werden würde, aber vielleicht ist das Grundvoraussetzung, um nicht senil zu werden.

Ich bin froh, dass sie so positiv war. “Ich bin ein unverbesserlicher Optimist”, pflegte sie zu sagen. Sie war ein Meister der Kunst, Geschehnissen eine positive Darstellung zu geben, das Helle im Dunklen zu finden. Ohne dieses Vermögen hätte sie mit Sicherheit nicht so lange gelebt.

Ich bin froh, dass sie immer auf dem Laufenden war. Sie hat seit den frühen 1980ern Computerspiele gespielt, zuerst auf meinem ABC80 und ABC800. Danach hat sie Montys Commodore gekauft. Danach wurden es einige Windows-Rechner, und mit der Zeit kamen Internet, Surfen, Email und Skype ins Bild. Gesurft und geskypt hat sie noch die letzten Tage ihres Lebens, auch wenn es Ewigkeiten gedauert hat, mit der Lupe die Tasten zu finden bzw. die Überschriften zu lesen. Mit stoischer Ruhe hat sie festgestellt, dass sie unbegrenzt viel Zeit in Wikipedia hätte verbringen wollen, denn die interessanten Teile der Nationalenzyklopädie hätte sie schon längst auf DVD durchgeblättert, “aber ich kann ja nicht sehen”.

Sie hatte stets anderen Leuten Vorrang vor ihren eigenen Bedürfnissen gegeben und nie vollkommen verstanden, wie großen Einfluss sie dadurch gewonnen hat. “Das Volk Finnlands soll von vorne geführt werden” waren General Adolf Ehrnrooths Worte und genau dies hat Famo getan. Ihre Leitereigenschaften bestanden aus Demut, Bescheidenheit, Respekt, Rücksicht, Hilfsbereitschaft und Empathie. Ich habe ihr erklärt, dass das Ausmaß, in dem ich ein guter Vater bin, ausschließlich auf ihr Vorbildsfunktion beruht. Ihre Reaktion darauf war nicht in erster Linie Stolz, sondern eine gewisse Bedrücktheit, dass ich in meinem Gedanken nicht genügend Rücksicht auf meinen Vater genommen habe.

Dies war ein längerer Auszug aus der Gedächtsnisrede. Ich habe versucht, solche Teile zu wählen, die meine Mutter als Person beschreiben, ohne zu viel vom Privaten zu verraten. Anfangs wollte ich überhaupt nichts im Web sagen, aus Respekt davor, dass sie es vielleicht als mit ihrer Bescheidenheit nicht zu vereinbarende Selbstgefälligkeit sehen würde. Ich habe mich entschieden, den obigen Text trotz allem zu veröffentlichen, weil ich wollte, dass meine Freunde und Bekannte wissen, einsehen und verstehen sollten, was mich als Person zutiefst geprägt hat.

Zum Schluss möchte ich allen danken, die uns ihr Beileid ausgesprochen haben. Es tut weh, sein vorderstes Vorbild im Leben zu verlieren.


Weltreligion? Wieso unbedingt Weltreligion? Und 20 Sprachen?

In einem Blogeintrag habe ich erklärt, wieso ich Laufen für eine Religion halte und wieso ich diese Religion mit sozialen Medien verbreiten möchte. Aber wieso denn unbedingt in die ganze Welt? Reicht es nicht vor meiner Haustür, entweder zu Hause in München oder in meinem Heimatland Finnland?

Der Grund hat mit meinem Interesse für andere Länder, Kulturen und Sprachen zu tun. Durch meine Arbeit habe ich besonders im Vorjahr viel gereist, als Botschafter für das Produkt meines ehemaligen Arbeitgebers. Als ich diese Aufgabe bekam, hatte ich mich dazu entschieden, während meinen Reisen die fünf ersten Minuten meiner Vorträge in (einer) der Landessprache(n) zu halten. Dies habe ich auch getan. Es fing mit Italienisch an; von allen Sprachen, die ich nicht spreche, spreche ich Italienisch am allerbesten. Danach kam Japanisch (schwedische Laute, finnische Staccato). Nachdem ich mich vor einem Publikum auf Chinesisch einigermaßen verständlich machen konnte, habe ich den Respekt vor der Schwierigkeit anderer Sprachen verloren; seitdem habe ich Russisch, Türkisch, Spanisch, Portugiesisch, Tschechisch, Estnisch, Lettisch und Litauisch zur Liste hinzugefügt. Den Respekt vor dem Wert anderer Sprachen ist dahingegen bei mir gewaltig gewachsen. Die Welt wird nicht dadurch besser, dass alle sich nur auf Englisch unterhalten.

Dass zusätzliche Sprachen auch Kosten mit sich bringen, ist klar. Ich kann also nicht alles auf allen Sprachen zur Verfügung stellen. Also werde ich hauptsächlich die Sprachen benutzen, die ich am besten kann bzw. in denen ich die meisten Kontakte habe. Da kommt an erster Stelle Schwedisch, meine Muttersprache und mein Verbindungsgelenk zur Familie, Freunden und Bekannten in Finnland (und Schweden). An zweiter Stelle kommt Deutsch, da ich seit drei Jahren in München lebe und eine deutsche Frau geheiratet habe (dies allerdings schon vor 17 Jahren). An dritter Stelle kommt Englisch, als Lingua franca für alle Freunde und Bekannte die weder Schwedisch noch Deutsch verstehen.

Aus Spaß an der Freude habe ich mir dann noch überlegt, wie der Runnismus in anderen Sprachen heißen soll. Hier habe ich mich auf die Sprachen Europas konzentriert, mit Chinesisch (蘭主义) und Japanisch (ラニズム) als fernöstliche Gewürze dazu. Ich kam auf eine Liste von zwanzig Sprachen, wo es zu einem oder anderen Tweet kommen kann. In der Übersetzung des Runnismus habe ich die Analogie zum Buddhismus gewählt. Beispielsweise heißt Runnismus auf Finnisch Runnilaisuus (weil Buddhalaisuus), auf Kroatisch Runizam (Budizam), auf Russisch Руннизм (Буддизм), auf Italienisch Runnismo (Buddhismo) und auf Litauisch Runizmas (Budizmas).

Also: Weltreligion, weil das Laufen allen gut tut und weil Laufen uns als Menschen über Landesgrenzen und Sprachen hinaus verbindet. Und zwanzig Sprachen, weil ich es als ein Zeichen von Respekt empfinde, die Sprache des Gegenübers zu benutzen.