Käthe Arnö 30.3.1925-29.8.2009
Lange habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich meinen Freunden und Bekannten erzählen sollte, dass meine Mutter gestorben ist. Ich fand es nicht passend, so etwas über ein Bloggeintrag zu veröffentlichen; es war mir zu privat.
Dann habe ich aber die Todesanzeige in Hufvudstadsbladet gesehen. “Husis” ist die finnlandschwedische Zeitung par excellence, wo solche familienbezogene Nachrichten seit Generationen verkündet werden. Da in der jetzigen Generation nicht mehr alle Freunde und Bekannte über Husis erreicht werden, habe ich mich für ein Gegenstück im Blog entschieden. Hier aber zuerst das Original aus Husis:

Meine Mutter wurde 84 Jahre alt. Sie war geistig und gefühlsmäßig voll dabei, auch noch auf ihrem Sterbebett. Ich hatte das Glück, zusammen mit Alexander mit ihr fast zwei Stunden lang diskutieren zu können, und zwar in der gleichen Nacht als sie um 3:15 Uhr von uns gegangen ist.
Die Beerdigung fand eine Woche später in Lovisa statt. Ihre Urne werden wir diesen Samstag in ihr Grab in Nagu beisetzen. Zufälligerweise waren wir in Nagu als alles passiert ist; wir sind dann noch eine Woche geblieben. Nach der Beerdigung waren Kirsten und ich eine knappe Woche in Kroatien (Krk, Porec), wie schon vor Monaten geplant; langsam kehrt der Alltag zurück.
Hier ein aus dem Schwedischen übersetzter Auszug aus meiner Gedächtnisrede bei der Beerdigung. Das Wort “Famo” habe ich unverändert gelassen; es bedeutet wortwörtlich “Oma väterlicherseits” und kommt aus den Worten für “Vaters Mutter”.
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Liebe Beerdigungsgäste
Alexander und Sophia
Famo möchte, dass wir froh sind. Ihr Wesen hat es uns allen leicht gemacht, ihr zu Lebzeiten zu gefallen. Jetzt, da sie von uns gegangen ist, fühlt es sich schwer an, diesen Wunsch zu erfüllen.
Nichtsdestotrotz haben wir sehr viel, worüber wir froh sein können.
Wir können mit Famos Worten auf ihrem Sterbebett anfangen: “Ich bin mit meinem Leben zufrieden“. Wirklich nicht jeder ist mit seinem Leben zufrieden. Ich bin darüber froh, dass sie es war. Ich bin auch froh, dass ihr eine lange und sehr glückliche Ehe mit Fafa vergönnt war.
Alexander und ich durften persönlich von ihr Abschied nehmen als sie noch zugehört und geantwortet hat. Im Auto auf dem Weg in die Klinik, als wir noch nicht wussten, ob wir rechtzeitig ankommen würden, hatten wir genügend Zeit, uns zu überlegen, was wir sagen wollten — so dass es nicht so lange warten musste, bis wir auf vollkommen taube Ohren stoßen würden. Aber wir kamen rechtzeitig an und konnten das sagen, was wir uns vorgenommen hatten, so dass Famo es hören und beantworten konnte.
Obwohl ich jetzt nicht besonders froh klinge, ist unsere Möglichkeit, einen ordentlichen Abschied zu nehmen, etwas, worüber wir ausgesprochen froh sein können. Famo hat uns bestens auf die Zeit nach ihrem Tot vorbereitet. Über alles haben wir reden können. Dass wir bei der Urnenbeisetzung “Famo ist jetzt froh” denken sollen. Welches Bestattungsinstitut wir wählen sollen. Und vor allem dass wir sehr froh und dankbar sind, für ihr Einsatz, ihr Leben, ihr Wesen, ihre Inspiration, ihr Beurteilungsvermögen.
Ich bin froh, dass sie ihren Willen bekommen hat, dass ihr Leiden ein Ende bekommen hat.
Ich bin froh, dass sie ihr ganzes Leben zu Hause wohnen durfte. Ich bin froh und stolz, dass sie tapfer ausgehalten hat, fast blind und taub zu werden. Ich bin froh, dass sie das Meiste im Leben mit guter Laune und Humor füllen konnte. Einige knappe Wochen vor ihrem Tod, als sie bei uns in ihrem alten Haus in Nagu zu Besuch war, sagte Alexander “Es ist wohl so, dass Du besser hören als sehen kannst?”. Famos Antwort war “Wie?”. Aber eine Sekunde später wurde ihr klar was Alexander gefragt hat und daraufhin haben Famo, Alexander und Sophia herzlich zusammen gelacht.
Ich bin froh, dass sie ihr ganzes Leben lang klar im Kopf bleiben durfte. Sie war etwas besorgt, dass sie senil werden würde, aber vielleicht ist das Grundvoraussetzung, um nicht senil zu werden.
Ich bin froh, dass sie so positiv war. “Ich bin ein unverbesserlicher Optimist”, pflegte sie zu sagen. Sie war ein Meister der Kunst, Geschehnissen eine positive Darstellung zu geben, das Helle im Dunklen zu finden. Ohne dieses Vermögen hätte sie mit Sicherheit nicht so lange gelebt.
Ich bin froh, dass sie immer auf dem Laufenden war. Sie hat seit den frühen 1980ern Computerspiele gespielt, zuerst auf meinem ABC80 und ABC800. Danach hat sie Montys Commodore gekauft. Danach wurden es einige Windows-Rechner, und mit der Zeit kamen Internet, Surfen, Email und Skype ins Bild. Gesurft und geskypt hat sie noch die letzten Tage ihres Lebens, auch wenn es Ewigkeiten gedauert hat, mit der Lupe die Tasten zu finden bzw. die Überschriften zu lesen. Mit stoischer Ruhe hat sie festgestellt, dass sie unbegrenzt viel Zeit in Wikipedia hätte verbringen wollen, denn die interessanten Teile der Nationalenzyklopädie hätte sie schon längst auf DVD durchgeblättert, “aber ich kann ja nicht sehen”.
Sie hatte stets anderen Leuten Vorrang vor ihren eigenen Bedürfnissen gegeben und nie vollkommen verstanden, wie großen Einfluss sie dadurch gewonnen hat. “Das Volk Finnlands soll von vorne geführt werden” waren General Adolf Ehrnrooths Worte und genau dies hat Famo getan. Ihre Leitereigenschaften bestanden aus Demut, Bescheidenheit, Respekt, Rücksicht, Hilfsbereitschaft und Empathie. Ich habe ihr erklärt, dass das Ausmaß, in dem ich ein guter Vater bin, ausschließlich auf ihr Vorbildsfunktion beruht. Ihre Reaktion darauf war nicht in erster Linie Stolz, sondern eine gewisse Bedrücktheit, dass ich in meinem Gedanken nicht genügend Rücksicht auf meinen Vater genommen habe.
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Dies war ein längerer Auszug aus der Gedächtsnisrede. Ich habe versucht, solche Teile zu wählen, die meine Mutter als Person beschreiben, ohne zu viel vom Privaten zu verraten. Anfangs wollte ich überhaupt nichts im Web sagen, aus Respekt davor, dass sie es vielleicht als mit ihrer Bescheidenheit nicht zu vereinbarende Selbstgefälligkeit sehen würde. Ich habe mich entschieden, den obigen Text trotz allem zu veröffentlichen, weil ich wollte, dass meine Freunde und Bekannte wissen, einsehen und verstehen sollten, was mich als Person zutiefst geprägt hat.
Zum Schluss möchte ich allen danken, die uns ihr Beileid ausgesprochen haben. Es tut weh, sein vorderstes Vorbild im Leben zu verlieren.