Kajs zehn Neujahrsvorsätze: Über die irrationale Psyche des Menschen
Der Mensch ist irrational. Leute benehmen sich im Allgemeinen unlogisch, manchmal gar direkt gegen ihre eigene Interessen. Ich bin da keine Ausnahme, aber wenn ich Momente des rationalen Denkens dazu nutze, mich selbst zu indoktrinieren, behaupte ich, die Folgen meiner Irrationalität mildern zu können. Manchmal kann ich sie sogar zu meinem Vorteil nutzen. Und diese Selbstindoktrinierung habe ich in meinen Neujahrsvorsätzen 2009 konzentriert.
Hintergrund: Diese Gedanken sind im Laufe mehrerer Jahre ausgereift, besonders aber durch das Buch Der schwarze Schwan von Nassim Nicholas Taleb. Eine Flugverspätung von über sechzehn Stunden bot mir unerwarteterweise die Möglichkeit, meine Gedanken in Form dieser Blogeinlage zu strukturieren. Ich befasse mich sowohl mit dem Privaten als auch mit dem Geschäftlichen — vielleicht mit etwas mehr Gewicht auf Erstgenanntem.
Vorbehalt: Ich veröffentliche meine Neujahrsvorsätze, obwohl ich weiß, dass manche meiner Standpunkte nicht einmal von meinen besten Freunden geteilt werden. Meine Absicht ist es nicht, zu moralisieren oder anderen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Vielmehr möchte ich durch Kommentare anderer Leute neue Einsichten gewinnen. Wenn ich unten in zweiter Person schreibe, richte ich mich also hauptsächlich an mich selbst.
Zehn rationale Schlussfolgerungen dessen, dass die Psyche des Menschen irrational ist
oder
Kajs zehn Neujahrsvorsätze
1. Die Macht der Gewohnheit ist groß: Beginne regelmäßig mit einer neuen guten Gewohnheit an! Definiere bewusst eine für dich sinnvoll erscheinende Gewohnheit. Mache dir darüber Gedanken, wie du dich am besten davon selbst überzeugst.
2. Selbstsicherheit führt zu Selbstsicherheit: Trete selbstbewusst auf! Aber wage auch, mögliche Dummheiten zu machen. Ohne Risiken zu nehmen, lernst du kaum Neues.
3. Lege deine persönlichen Prioritäten fest! Wie wichtig sind Freunde? Ehe? Kinder? Familie? Verwandte? Gesundheit? Arbeit? Geld? Verteile dann die knappen Ressourcen (Zeit, Aufmerksamkeit, Geld) in erster Linie für das Wichtigste.
4. Lebe wie du lehrst: Lege Quartalsziele auch im Privatleben fest! Ein Quartal dauert lange genug, damit langsichtige Ziele erreicht werden können, aber auch kurz genug, damit Wunschdenken früh genug auffällt.
5. Konzentriere dich bewusst auf das Wesentliche: Nehme es zur Gewohnheit, persönliche Quartalsziele wöchentlich grob und am Ende des Quartals genau zu verfolgen!
6. Umwandle lästige oder unangenehme Arbeit in ertragbare oder sogar angenehme Aufgaben! Mache daraus etwas Soziales (und teile die Bürde). Belohne dich für erledigte Lästigkeiten. Konzentriere das Unangenehmste auf eine “mutige Stunde” pro Tag.
7. Bitte erfahrene Leute um Hilfe! Schon alleine das Formulieren der Bitte hilft oft weiter. Und die Hilfestellungen halten die Räder am Rollen.
8. Siehe zu, dass wichtige Sachen auch dringend erscheinen! Erstelle (bei Bedarf künstliche) Impulse, die dich auf das Wesentliche fokussieren: Hilfeleistungen anderer Leute, zugesagte Teillieferungen, Besprechungen, vorbereitete Gesprächsthemen.
9. Ästhetische Werte sind ansprechend: Umgebe dich mit Schönheit, Unkompliziertheit und Ordnung! Unordnung, unnötige Gegenstände oder Einkäufe sind Bürden für die Seele. Räume auf! Werfe weg! Und wenn du unbedingt etwas kaufst, kaufe dann Funktionelles, Nützliches und Schönes.
10. Kümmere dich bewusst um deine eigene Laune: Lasse keine Kleinigkeiten zu, dich aus der Bahn zu bringen! Brich bewusst negative Gedankenmuster durch Pausen, Erhöhen des Blutzuckerpegels oder frische Luft.
Selbst ertappe ich mich täglich dabei, gesunde Vernunft zu trotzen und mich wider mein eigenes Interesse zu benehmen. Durch die für diesen Blogeintrag erforderliche Selbstbeobachtung erhoffe ich mir ein höheres Selbstbewusstsein.
Hier einige Beispiele von meinem eigenen irrationalen Benehmen, eine Art Beichte:
- Es passiert, dass ich im alten Trott recht unwesentlichen Zielen eine allzu große Bedeutung ermesse (siehe Punkt 3).
- Ich kann einen negativen Gedanken (sei es in der Arbeit oder privat) meine Laune vermiesen lassen, obwohl das Problem sich nach dem Essen oder einer Pause viel kleiner erscheint, oder gar das Problem sich während einer Laufrunde lösen ließe (siehe Punkt 10).
- Ich widme manchmal Kleckerbeträgen eine übertriebene Aufmerksamkeit (das Geld für “teuren” frisch gepressten Saft sparen), jedoch schiebe ich das Planen für das Verwalten meiner Ersparnisse oder meinen Hausbau in Finnland auf (siehe Punkte 3, 4, 5, 7 oder 8).
- In dunklen Momenten kann das Konsumieren (ein Krimi lesen, im Web surfen, Fotos anschauen) sich einfacher als Produzieren (ein Quartalsziel in Angriff nehmen, einen Blogeintrag schreiben, ein Fotoalbum zusammenstellen) anfühlen (siehe Punkte 1, 6 und 10).
- Manchmal ist es schwer wieder in Gang zu kommen, nach einer Unterbrechung, bei Müdigkeit, oder mit der unangenehmen aber notwendigen Arbeit — auch wenn ich weiß, dass nach dem Anfang alles leichter geht (siehe Punkt 1, 6, 8, 9 und 10).
- Wenn ich Lust und Inspiration habe, läuft die Arbeit wie geschmiert (siehe Punkt 1, 2, 6, 7, 8, 9, 10).
- Ich widme allzu viel Aufmerksamkeit dem Frischen und Neuen (wie die ganz ungelesenen Emails) und allzu wenig dem Wichtigen (siehe Punkte 1, 7, 8).
- Was ich nicht konkret sehe oder erlebe, das “gibt” es nicht, oder dem gebe ich zu wenig Zeit (siehe Punkt 7 und 8).
Nassim Nicholas Taleb schreibt in The Black Swan wie das Psyche des Menschen “fehlerhaft” konstruiert ist, und zwar so dass es mehr schmerzt, fünfmal 10.000 Euro zu verlieren, als einmal 100.000 Euro. Der Mensch wünscht sich ständige gute Nachtichten, wird aber durch erhöhten Lebensstandard so verwöhnt, dass er sich über einmal erreichte Vorteile nicht mehr freuen kann. Der Mensch gibt kurzfristiges Wohlbefinden Vorrang, anstatt das Langfristige: Lieber ein Kuchenstück im Bauch sofort, als einen Waschbrettbauch in einem halben Jahr! Sehr rational denkende Menschen kann den Gedanken voll ausleben und diese Schwächen bei seinen Mitmenschen ausnutzen.
Selbst begnüge ich mich mit dem Versuch, meinen Selbstbetrug ein Ende zu machen.
- Die gleichen Vorsätze auf Englisch: http://blogs.arno.fi/isit/2009/01/04/kajs-ten-new-year-resolutions-on-the-irrationality-of-the-human-mind/
- Die gleichen Vorsätze auf Schwedisch: http://blogs.arno.fi/res/2009/01/04/kajs-tio-nyarsloften-till-sig-sjalv-om-manniskans-irrationella-psyke/
MySQL :: Observations by Kaj Arnö @Sun
[...] observations, some of which I’ve already published my ten New Year Resolutions in Swedish, in German and in English, respectively. Some of these are purely private, many are inspired by work at MySQL [...]