Gestern war ich in der Sauna in Moskau. Nicht das alle Russen Saunabegeistert wären, aber Kostja und Alik sind es. Ich war bereits einmal mit ihnen in einer russischen Banja (Баня) und jetzt haben sie mir versprochen, mich zur nächsten Stufe zu bringen. Und ihr Versprechen haben sie wahrlich eingelöst.


Russische Saunagänger haben gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Küken Calimero.
Kostja hatte diesmal Селезнёвские бани gewählt, also die Selesnevski-Bäder in der historisch interessanten Селезнёвская-Straße (namentlich nach einem reichen Hausbesitzer Anfang des 19. Jh.). Der Plural ist deshalb notwendig, weil Mann und Frau getrennt baden, und da beide Geschlechter jeweils auch noch erste und zweite Klasse haben. Wir wählten die zweite Klasse für Männer und zahlten somit 750 Rubel (gut 20 Euro) für drei Stunden.
Ich hatte gewissenhaft meine Uhr und sonstige Wertgegenstände im Hotelzimmer liegen lassen (Lesnaja ist im gehbar entfernten Umkreis), damit ich keinen Grund haben sollte, beunruhigt zu sein, als ich die Kleidung in einer offenen Umkleidekabine ließ. Ist ja nicht gerade das Münchner Westbad. Gut, es gab einen anwesenden Verantwortlichen (Банщик, banschtschik), aber man fühlt sich doch wohler, wenn nicht alles Wertvolle allzu leicht entwendbar ist.
С лёгким паром d.h. “Milder Dampf auf dich!” lautet die russische Saunabegrüßung. Durch den großen Waschraum gingen wir in die Sauna, wo man gerade frischen Dampf vorbereitet hatte. Wir hatten Badelatschen an sowie erbärmlich alberne Filzhüte (войлочная шапка), die uns eine große Ähnlichkeit mit dem Küken Calimero verliehen.
Die Saunatemperatur war jedoch nichts für Küken, außer vielleicht lebend zu bratende Hendl. Der Ofen war etwa so groß wie eine normale Sauna in Finnland oder Deutschland. Im Gegensatz zu Finnland, aber ähnlich wie in Deutschland, gab es einen Bademeister, der heiße Luft auf die Badenden wedelte. Hierbei erfolgte das Herumwuchteln nicht mittels eines Handtuches, sondern mit einem übergroßen Pizzaspaten. Applaus gab es nach getaner Arbeit genauso wie im Dantebad oder im Westbad zu Hause in München.
Danach wurden wir Kvass und Tee serviert. Lecker! Entspannend. Ruhig.
Aber ein Saunagang reicht nicht aus. Jetzt ging es auf russischer Manier los, mit dem auf Schwedisch als “bastukvast” bezeichneten ast-artigen Besen (hat also abgetrocknete Blätter und nicht bloß harte Äste). Die Russen nennen das Tortur/Wollust-Instrument Vjenik (Веник). Der Vjenik wurde in für mich gewohnter Art eingesetzt; die Behandlung hätte einen Deutschen jedoch sicherlich überrascht. Zur Veranschaulichung: Es geht hier um ein etwa 80 cm lange, 40 cm breite, zusammengeknotete Sammlung von Zweigen, welche in Finnland normalerweise aus Birke (Береза), in Russland öfter aus Eiche (Дуб) gebastelt werden.
Kostja bat mich bäuchlings niederzuliegen und gab mir eine Behandlung, die ich vorher nur einmal erlebt hatte (in Baku, von einem Azerbajdjaner). Die Haut mit dem Vjenik nass machen. Heiße Luft mit dem Vjenik auf die Haut wedeln. Die Haut mit dem Vjenik schlagen. Hart zuschlagen. Härter zuschlagen. Lange zuschlagen. Dann umdrehen und die Behandlung auf der Vorderseite wiederholen.
Die Behandlung trägt den Namen parit (парить), ein Wort mit mehreren Bedeutungen: Dampf, Mogelei, seelische Entspannung. Ich kann alle drei Bedeutungen nachvollziehen.
Nach drei Saunagängen und den dazwischen vorkommenden totalen Lüftungen der Sauna sowie dem jeweils dazu gehörigen Zuschuss von taufrischem Dampf waren wir fertig. Und auch erledigt. Das war der gründlichste Saunagang meines Lebens.
Und ich kann ein Besuch in einer russischen Banja warm (um nicht zu sagen heiß) empfehlen, und zwar für alle Russland-Besucher. Sprachschwierigkeiten und geringfügige Unterschiede in Saunagebräuche führen jedoch dazu, dass man besser mit einem sachkundigen Russen hingehen möchte.
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